Die ersten Stunden nach der Geburt – ein kritischer Zeitraum

Die Geburt eines Fohlens ist ein aufregender Moment – doch die ersten Stunden danach sind für das Überleben und die Gesundheit des Jungtieres entscheidend. Wer gut vorbereitet ist und die richtigen Abläufe kennt, kann im Ernstfall schnell und richtig handeln.

Die 1-2-3-Regel als Orientierung

In der Pferdezucht hat sich die sogenannte 1-2-3-Regel bewährt, um den Entwicklungsstand eines neugeborenen Fohlens einzuschätzen:

  • 1 Stunde: Das Fohlen sollte innerhalb der ersten Stunde auf den Beinen stehen können.
  • 2 Stunden: Spätestens nach zwei Stunden sollte es erfolgreich an der Mutter saugen.
  • 3 Stunden: Das erste Absetzen von Kot (Mekonium) sollte innerhalb von drei Stunden erfolgen.

Weicht das Fohlen deutlich von diesen Zeitangaben ab, ist tierärztlicher Rat dringend empfohlen.

Kolostrumversorgung – das flüssige Gold

Die wichtigste Aufgabe in den ersten Lebensstunden ist die Aufnahme von Kolostrum (Biestmilch). Diese erste Muttermilch enthält lebenswichtige Antikörper, die das Immunsystem des Fohlens aufbauen. Da Fohlen – anders als viele andere Säugetiere – keine mütterlichen Antikörper über die Plazenta erhalten, sind sie vollständig auf das Kolostrum angewiesen.

Wichtig zu wissen: Das Fohlen kann Antikörper aus dem Kolostrum nur in den ersten 12 bis 24 Stunden nach der Geburt aufnehmen, danach schließt sich die Darmbarriere. Saugt das Fohlen nicht selbstständig, muss es mit abgemolkenem Kolostrum per Flasche oder Sonde versorgt werden.

Was Sie nach der Geburt kontrollieren sollten

  1. Atemwege frei? Fruchtwasser und Eihäute aus Nase und Maul entfernen, falls die Stute dies nicht selbst übernimmt.
  2. Nabelschnur: Die Nabelschnur reißt in der Regel von selbst. Den Nabelstumpf mit einer geeigneten Desinfektion (z. B. Jodlösung) behandeln.
  3. Mekoniumabsatz: Das erste Pech kann zu Verstopfungen führen. Bei ausbleibendem Kotabsatz und Anzeichen von Bauchschmerzen (Kolikanzeichen) sofort den Tierarzt rufen.
  4. Stute-Fohlen-Bindung: Geben Sie Stute und Fohlen Zeit, sich zu beschnuppern und die Bindung aufzubauen. Ungestörte Ruhe ist hier wichtig.
  5. Nachgeburt: Die Stute sollte die Nachgeburt innerhalb von drei Stunden ablösen. Bleibt sie länger zurück, droht eine lebensbedrohliche Infektion – sofort den Tierarzt informieren.

Stallvorbereitung – vorher planen, nicht nachher suchen

Bereiten Sie die Abfohlbox rechtzeitig vor. Sie sollte mindestens 16 m² groß sein, frisch eingestreut (Stroh eignet sich gut) und frei von Zugluft. Halten Sie bereit:

  • Saubere Handtücher zum Abreiben des Fohlens
  • Jodlösung für die Nabeldesinfektion
  • Telefonnummer des Tierarztes
  • Kolostrum-Notreserve (gefroren, falls vorhanden)

Wann sofort der Tierarzt gerufen werden muss

Folgende Situationen erfordern unverzügliche tierärztliche Hilfe:

  • Das Fohlen steht nach mehr als zwei Stunden noch nicht
  • Kein Saugen nach drei Stunden
  • Kein Mekoniumabsatz, Unruhe, Wälzen
  • Atemprobleme, blaue Schleimhäute
  • Nachgeburt der Stute nach drei Stunden noch nicht abgegangen

Gute Vorbereitung und aufmerksame Beobachtung sind die besten Voraussetzungen für einen gesunden Start ins Leben. Mit dem richtigen Wissen können Pferdehalter in den kritischen ersten Stunden den Unterschied machen.